Kurzprosa

Abgestellt

Er wartet so lange, bis keine Züge mehr fahren. Eine halbe Stunde, nachdem der IC aus Bern angekommen ist, ist er beim Bahnhof. Manchmal stellt er sich den Wecker, aber meistens kann er vorher doch nicht schlafen. Sein Rhythmus ist ihm ganz durch­einander gekommen.

Abends sitzt er vor dem Fernseher und wünscht sich, es gäbe noch einen Sendeschluss. Aber das Fernsehprogramm hat sich in einen Teufelskreis verwandelt und er würde auch noch darin stecken, wenn er nicht beschlossen hätte, mitten in der Nacht aufzustehen, sein Werkzeug zu nehmen und zum Bahnhof zu gehen.

Er hat auch eine kleine Taschenlampe dabei. Damit leuchtet er die Fahrräder ab. Unglaublich, was die Leute hier alles abstellen. Das rote Damenrad hat er schon vor einer Woche gesehen. Es steht noch immer an derselben Stelle. Er zieht es zwischen den anderen halb umgekippten Rädern heraus. Es ist nur am Hinterrad mit dem Rahmen­schloss gesichert. Für solche Fälle hat er einen gan­zen Bund voll Schlüssel dabei. Bevor er ihn aus der Tasche nimmt, schaut er sich nochmals um.

Manchmal denkt er, dass er tagsüber weniger auffallen würde. Aber tagsüber lungern ihm hier zu viele Obdachlose herum. Nicht dass er Angst hätte, die würden ihn verraten. Aber er möchte sie auch nicht zu seinen Komplizen machen. Die meisten trinken. Nachts schlafen sie in der Bahnhofsmission. Wenigstens jetzt in den kalten Winternächten. Wenn er tagsüber käme, würde ihn wohl irgendwann die Frau vom Kiosk bemerken. Er hätte sich zweifellos einen weniger belebten Bahnhof aussuchen können, doch an diesem stehen nun mal die meisten Fahrräder: neue, alte, verrostete, Fährräder mit Platten, Fahrräder ohne Sattel, Fährräder mit lockeren Schrauben und verbogenen Schutzblechen, mit ka­putter Lichtanlage und verstellter Gangschaltung. Sogar eine Acht hat er schon zurechtbiegen müssen.

Das rote Damenfahrrad hat eine ausgeleierte Kette und das Rück­licht funktioniert nicht. Das stellt er fest, nachdem er es umgedreht und das Hinterrad in Bewegung gesetzt hat. Er nimmt den Schraubenzieher raus und den Sechskantschlüssel. Bei der Kette wird er ein paar Glieder entfernen müssen. Die einfachsten Er­satzteile hat er immer dabei: Glühbirnchen, Schläuche. Er hat noch einige von früher. Kaufen kann er natürlich nichts,  aber wenn die Polizei die nicht abgeholten Fundstücke freigibt, sind immer ein paar schrottreife Räder dabei, von denen noch Ersatzteile zu gebrauchen sind.

Er hat eiskalte Hände und rutscht mit dem Schraubenzieher ab. Da hat wieder so ein Idiot die Schraube mit dem falschen Schlüssel kaputtgedreht. Er flucht leise. Es gibt so viele Stümper. Und aus­gerechnet ihn hat es erwischt. Dabei war er wirklich gut. Er hat noch jede rostige Möhre zum Fahren gebracht. Und schnell war er auch. Aber jetzt hier, mit den kalten Fingern und ohne vernünfti­ges Licht, da geht das natürlich alles nicht so.

Trotzdem hat er die Glühbirne vom Rücklicht schon ausgetauscht. Das mit der Kette wird schwieriger werden. Als seine Finger schwarz von Öl sind, wischt er sie am Overall ab. Nach einer halben Stunde ist er mit dem roten Damenrad fertig. Er stellt es zurück an seinen Platz und drückt das Ringschloss wieder zu. Er hat noch für mindestens ein Rad Zeit.

Oft stellt er sich vor, wie die Besitzer ihre Räder abholen, sich freuen, erstaunt sind, es gar nicht glauben können. Am liebsten repariert er Damenräder, da kann er sich die Dankbarkeit noch besser ausmalen. Zu gern würde er den Leuten beim Abholen zu­sehen, er hat es auch schon versucht, aber es ist so unwahr­schein­lich, dass er zum richtigen Zeitpunkt dort steht. Da müsste er schon den ganzen Tag am Bahnhof rumlungern. Und das will er bestimmt nicht.

Als er vom Bahnhof zurückkommt, schaut er wie immer die Zeitung von Frau Egli durch, bevor er sie ihr vor die Tür legt. Ir­gendwann muss es doch jemand melden und dann noch einer. Da muss es doch eine Schlagzeile geben: „Geheimnisvoller Unbe­kannter repariert nachts die Räder am Hauptbahnhof!“ oder „Wer ist der gute Geist vom Fahrradparkplatz?“ Irgend so was. Wenn sie ihm dann auflauern würden, die von 20minuten oder vom Blick, dann wäre es ja nicht schlimm, denkt er. Dann würden sie ihn foto­grafieren und seinen Namen erwähnen und dann würde man ihm sicher einen neuen Job anbieten. Und alle, die ihm Absagen ge­schickt haben, die würden ja sehen. Und die von der alten Werk­statt sowieso.